Von Alexandra Paulfranz

Grenzübergang Trappstadt
Grenzübergang Trappstadt

Römhild – Einige Jahre haben sie sich nun schon nicht mehr gesehen. Umso schöner ist es, in Erinnerungen zu schwelgen, als Erich Werner, ehemaliger Bürgermeister von Trappstadt (Landkreis Rhön-Grabfeld), zu seinem immer noch amtierenden Kollegen Günther Köhler nach Römhild (Landkreis Hildburghausen) ins Schloss Glücksburg kommt. Die beiden haben sich gleich nach dem Mauerfall dafür eingesetzt, den Grenzübergang zwischen Eicha und Trappstadt so schnell wie möglich herzurichten. Jetzt, ein viertel Jahrhundert später, erzählen sie noch einmal die Geschichte, wie sie damals von bayerischer und thüringischer Seite aus alles dafür in die Wege leiten. In diesen Tagen, als niemand so genau wusste, was am nächsten Morgen sein wird. Als alles möglich war – auch, dass den Menschen aus der DDR die Freiheit gleich wieder geraubt wird.

Tief gespalten

Noch kurz vor der Wende habe ja niemand auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass die Mauer so schnell fallen würde, denkt Werner zurück. Stacheldrahtzäune, Holzkastenminen, Metallgitterzäune mit Todesschussautomaten und Kraftfahrzeugsperrgräben zeigen, wie tief Deutschland gespalten ist. "Wenige Tage vor dem 9. November 1989 sprachen wir noch in einer Gemeinderatssitzung über eventuelle Baumaßnahmen entlang der Grenze", erzählt Werner. "Da waren wir alle der Meinung, dass sich am Grenzverlauf und dem Verhältnis zwischen BRD und DDR in den nächsten 30 bis 40 Jahren nichts ändern wird."
Dass dann doch alles so schnell geht, kann anfangs keiner so recht glauben. Und auch die Angst, die Grenzöffnung könne nur von kurzer Dauer sein, schwingt in den Novembertagen 1989 mit. "Wir wussten nicht, was morgen ist", sagt Günther Köhler. "Und obwohl es mit sehr viel Risiko behaftet war, sind wir vorgeprescht." Er von Thüringen aus, Werner von Bayern aus. Beide wollten einen eigenen Grenzübergang.

Befehle ausgeführt

Erich Werner hat seine Erlebnisse aus dieser Zeit alle niedergeschrieben, um sie detailliert in Erinnerung zu behalten. Er weiß noch von einem ersten Treffen Mitte November 1989, bei dem Bürgermeister umliegender Gemeinden, der damalige Bad Königshofener Landrat Dr. Fritz Steigerwald und Hans Müller, Vorsitzender des Rats des Kreises Hildburghausen, dabei sind. "Der Herr Müller saß da auf einem ganz hohen Ross", betont Werner. "Der hat gesagt, die Grenze wird nur dort aufgemacht, wo er es erlaubt." Natürlich habe Müller – der inzwischen verstorben ist – eine gewisse Macht gehabt, fügt Günther Köhler hinzu. Aber letztlich habe er auch nur die Befehle ausgeführt, die er von der Partei bekommen habe.

In diesen Tagen will auch Köhler etwas bewegen. Mit zwei oder drei anderen Bürgermeisterkollegen aus seinem Gemeindeverband – so genau weiß er das nicht mehr – fährt er im Wartburg über einen der beiden ersten Grenzübergänge bei Hellingen oder Eisfeld nach drüben in den Westen. Ihr Ziel: Trappstadt. Sie hoffen auf eine Zusammenarbeit hinsichtlich des Grenzübergangs. "Wir saßen dann beim Erich Werner in der Wohnstube und haben beraten, wie wir vorgehen", erinnert sich Köhler.
Es kommt zu einem zweiten Treffen zwischen verschiedenen Bürgermeistern, Bad Königshofer Landrat und dem Hildburghäuser Vorsitzenden des Rats des Kreises. Da sei Letzterer plötzlich viel moderater aufgetreten, sagt Erich Werner. "Kein Wort mehr von wegen, er bestimme, wo die Grenze geöffnet wird. Er meinte, wir können aufmachen, wo wir wollen, wenn wir es nur bezahlen."
Weil Trappstadt selbst kein Geld hat, setzt der Bürgermeister alle Hebel in Bewegung und nutzt seine Beziehungen nach München und Bonn. "Wir mussten so schnell wie möglich Gewissheit bekommen, dass wir den Grenzübergang kriegen – die Konkurrenz war ja groß." Immerhin hat die frühere Reichsverbindung von München über Bamberg, Trappstadt und Eicha nach Berlin geführt. Diese Strecke wünscht sich Werner zurück.

Ein besonderes Ereignis in diesen Tagen nach dem Mauerfall vergisst der er nie. Es ist Samstag, der 2. Dezember 1989. Noch kann sich niemand sicher sein, dass die Grenze nicht wieder dicht gemacht wird. Werner besucht gerade eine Brieftaubenausstellung in der örtlichen Turnhalle, als gegen 10 Uhr seine Frau anruft. "Sie sagte, ich soll schnell heim kommen: Leute aus Eicha und Umgebung seien zu Fuß unterwegs nach Trappstadt. Ich glaubte erst an einen Scherz", erzählt er.
Es ist aber kein Scherz. Die Bürger aus dem Thüringer Grabfeld, so Werners Erinnerung, haben sich zu einer friedlichen Demonstration getroffen, am Grenztor gerüttelt und lautstark gerufen: "Macht endlich das Tor auf!" Mit Erfolg. In der Zwischenzeit sind auch viele Trappstadter mit ihren Autos unterwegs zum Ort des Geschehens. Der Bürgermeister organisiert derweil eine Brotzeit im Gästehaus. Als er selbst zur Grenze gekommen sei, sei sein Herz fast stehengeblieben vor Freude, sagt er: "Ich sah die Menschen aus dem Gestrüpp herauskriechen. Ein über 90-jähriger Mann ist mir um den Hals gefallen und hat Freudentränen geweint. Das Gefühl, das mich dabei überkam, kann ich nicht in Worte fassen."

Bis zu diesem Zeitpunkt hat Werner sich schon mehrfach mit seinen Amtskollegen aus dem Osten wegen des Ausbaus des Grenzübergangs getroffen. Sie besprechen, wer welche Aufgaben übernehmen soll. "Die Bayern durften nicht auf DDR-Gebiet arbeiten", denkt Günther Köhler zurück. "Daher hat unser Gemeindeverband die nötigen Arbeiten auf unserer Seite übernommen." Das bedeutet: Die frühere Straße freigeschnitten. Auf bayerischer Seite führt bereits eine zur Grenze. Die auf thüringischer Seite hingegen sei zwar irgendwann mal geteert, aber dann völlig mit Bäumen zugewachsen gewesen, denkt Bürgermeister Günther Köhler zurück.

Schranke versperrt Weg

Auf Thüringer Seite komplett zugewachsen: Der Grenzübergang bei Eicha vor der Wende.
Auf Thüringer Seite komplett zugewachsen: Der Grenzübergang bei Eicha vor der Wende.

Auf einem alten Bild, das Erich Werner vor der Grenzöffnung an diesem Ort geschossen hat, ist auf bayerischem Gebiet eine Straße zu sehen, die plötzlich an einer rot-weiß gestreiften Schranke endet. "Verbot für Fahrzeuge aller Art", weist ein Verkehrszeichen aus. Dahinter geht aber sowieso nicht weiter: Wald, so weit das Foto zeigt.
Soll der Weg auf Ostseite weiterführen und neu gebaut werden, muss aber die Bayerische Staatsregierung zahlen. So die Bedingung aus Thüringen. Laut Gesetz darf die Bayerische Regierung aber nur auf bayerischem Boden bauen. Dank Ministerpräsident Max Streibl gelingt es jedoch, in kürzester Zeit einen Ministerratsbeschluss herbeizuführen, um das Gesetz zu ändern.
Die bürokratischen Hindernisse sind also weg. Jetzt müssen Zahlen auf den Tisch. Die ermittelt Bürgermeister Werner höchstpersönlich – immerhin arbeitet er sowieso als Kalkulator in einer Baufirma. Für diesen besonderen Auftrag darf er sogar kurz in die DDR einreisen, um sich dort ein Bild zu machen – sein allererster Ausflug in den Osten.

Am Sonntag, 10. Dezember 1989, ist es soweit. So ganz alleine mit den bewaffneten Aufpassern von drüben ist Werner recht mulmig zumute. "Mit etwas zittrigen Knien bin ich dann zwischen den beiden Majoren und vor dem Volkspolizisten, welcher immer sein Gewehr im Anschlag hielt, durch das Gestrüpp, das Minenfeld und die Grenzanlagen bis auf die Straße hinter dem Eichaer Wald", schreibt der Trappstadter später seine Erlebnisse nieder. "Wie ein Schwerverbrecher kam ich mir vor."
Als Werner es wagt, seine Begleiter zu einem Frühschoppen in Eicha überreden zu wollen, reagieren diese unerwartet scharf: "Ihre und unsere Mission sind hier beendet", kommt es im strengen Ton ertappter Soldaten. Also geht es zur Grenze zurück. Dort entschuldigt sich einer der beiden Hauptmänner für sein Verhalten. Der Befehl, den er bekommen habe, habe ihm keinen Freiraum zum Frühschoppen gelassen. "Die Grenzer hatten damals noch große Angst", kommentiert Günther Köhler. "Sie wussten ja auch nicht, was am nächsten Morgen kommt."

Was Erich Werner in der DDR gesehen hat, enttäuscht ihn: Die ehemalige Reichsverbindungsstraße scheint komplett verschwunden. Alles herausgerissen, zerstört, der Macht der Natur überlassen. Eine neue Straße zu bauen, würde viel Geld verschlingen. Dessen ist sich der Bürgermeister sicher. Er rechnet noch am gleichen Tag die Baukosten aus und sendet sie nach München.
Umso größer die Überraschung, als der bayerische Ministerrat direkt am nächsten Tag tatsächlich zustimmt. Und weil ein Herr vom Straßenbauamt Schweinfurt den Unterbau der alten DDR-Straße zum Teil für noch gut befindet, sollte der Rest innerhalb von zwei Wochen neu gefertigt sein, kalkulieren die Bauleute. Also noch vor Weihnachten.
Schon Anfang Dezember hat sich Bürgermeister Werner dafür eingesetzt, dass wenigstens stundenweise die Grenze für Fußgänger und Radfahrer geöffnet wird. Allerdings sei der vorherige Zustand eh nicht zu halten gewesen, meint Bürgermeister Köhler. "Die Leute haben ja keine Ruhe gehalten, sind immer zur Grenze gelaufen. Der Druck von innen war da – und es war ja auch politisch entschieden, dass die Grenze offen ist."

Den Arbeitern auf Thüringer Seite, die die Bäume schlagen, um die Straße frei zu bekommen, bringt Erich Werner immer wieder Brotzeiten und heißen Tee oder Schnaps vorbei, um die Männer bei Laune zu halten. "Dabei haben wir uns über den neuesten Stand von hüben oder drüben auf dem Laufenden gehalten", sagt er.
Mit seinen Amtskollegen aus dem Osten trifft sich der Bürgermeister auch öfters. Sie reden über die Zukunft. Wie es politisch für sie weitergehen soll. "Ich habe ihnen gesagt, wenn sie eine Chance haben wollen, wiedergewählt zu werden, müssen sie unverzüglich die Partei verlassen", betont Werner. Zu diesem Zeitpunkt hatte Köhler sein Parteibuch sowieso bereits abgegeben, sagt er. "Das war schon am 17. oder 18. November."
Nicht nur die Stadtoberhäupter knüpfen schnell freundschaftliche Bande. Auch Familien und Vereine aus Ost und West kommen im unterfränkischen Bad Königshofen zusammen, verbringen gemeinsam beim Kaffeetrinken oder Kegeln diese besondere Vorweihnachtszeit. Günther Köhler bemüht sich ebenfalls schon im Dezember um eine Partnerschaft mit der Gemeinde Knetzgau im bayerischen Landkreis Haßberge. Eigentlich ein Schritt, bei dem er sich für damalige Verhältnisse weit aus dem Fenster gelehnt habe, erzählt Köhler später. Doch sein Mut wird belohnt: Am 23. Januar 1990 besiegelt Edmund Stoiber als bayerischer Innenminister die Partnerschaft. "Wir waren einer der Ersten, die so etwas gemacht haben", sagt Köhler und es schwingt ein wenig Stolz in seiner Stimme mit.

Feierlich eröffnet

Franz Vogt, Regierungspräsident von Unterfranken, eröffnet den neuen Grenzübergang zwischen Eicha und Trappstadt, indem er ein Band durchschneidet. Mit dabei sind der Trappstadter Bürgermeister Erich Werner (Vierter von links) und Fritz Steigerwald, Landrat von Rhön-Grabfeld (Fünfter von links).
Franz Vogt, Regierungspräsident von Unterfranken, eröffnet den neuen Grenzübergang zwischen Eicha und Trappstadt, indem er ein Band durchschneidet. Mit dabei sind der Trappstadter Bürgermeister Erich Werner (Vierter von links) und Fritz Steigerwald, Landrat von Rhön-Grabfeld (Fünfter von links).

Wie geplant ist es tatsächlich noch vor Heiligabend 1989 möglich, endlich auch mit dem Auto frei zwischen den Bundesländern zu pendeln: Mit viel Prominenz und neugierigen Bürgern wird der Grenzübergang am 23. Dezember feierlich eröffnet. Auch zwei Busse voll mit Menschen aus Knetzgau fahren an diesem Tag über die Grenze bei Trappstadt bis nach Gleichamberg. Dort im Kulturhaus sollen sich die beiden künftigen Städtepartner bei einer Feier kennenlernen können.
"Alle Fernsehkanäle bringen an Weihnachten, zwischen den Feiertagen und an Silvester Berichte über die Geschehnisse und Grenzöffnung zwischen Trappstadt und Eicha", schreibt Erich Werner in seinen Aufzeichnungen. "Trappstadt rückt für einige Zeit in den Mittelpunkt Deutschlands. Es wird zum Synonym für die Wiedervereinigung."
Und Günther Köhler hebt hervor: "Wie haben eine Vereinigung eines Landes mitbekommen, die ohne Schießereien und Tote abgelaufen ist. Dafür muss man dankbar sein."

Auf Thüringer Seite komplett zugewachsen: Der Grenzübergang bei Eicha vor der Wende.
Auf Thüringer Seite komplett zugewachsen: Der Grenzübergang bei Eicha vor der Wende.
Arbeiter aus dem Gemeindeverband Gleichamberg schlagen auf thüringischer Seite den Weg von Bäumen frei, damit der Grenzübergang mit neuer Straße gebaut werden kann.
Arbeiter aus dem Gemeindeverband Gleichamberg schlagen auf thüringischer Seite den Weg von Bäumen frei, damit der Grenzübergang mit neuer Straße gebaut werden kann.
Die neue Verbindungsstraße zwischen Eicha und Trappstadt wird gebaut.
Die neue Verbindungsstraße zwischen Eicha und Trappstadt wird gebaut.
Reger Betrieb an der ehemaligen Grenze vor Baubeginn der neuen Verbindungsstraße.
Reger Betrieb an der ehemaligen Grenze vor Baubeginn der neuen Verbindungsstraße.
Reger Betrieb an der ehemaligen Grenze vor Baubeginn der neuen Verbindungsstraße.
Reger Betrieb an der ehemaligen Grenze vor Baubeginn der neuen Verbindungsstraße.
Ein Blick auf die Straße vor Eicha vor dem Ausbau im Dezember 1989.
Ein Blick auf die Straße vor Eicha vor dem Ausbau im Dezember 1989.
Warten auf die Ehrengäste am 23. Dezember 1989 vor Öffnung des neuen Grenzübergangs zwischen Trappstadt und Eicha.
Warten auf die Ehrengäste am 23. Dezember 1989 vor Öffnung des neuen Grenzübergangs zwischen Trappstadt und Eicha.
Franz Vogt, Regierungspräsident von Unterfranken, eröffnet den neuen Grenzübergang zwischen Eicha und Trappstadt, indem er ein Band durchschneidet. Mit dabei sind der Trappstadter Bürgermeister Erich Werner (Vierter von links) und Fritz Steigerwald, Landrat von Rhön-Grabfeld (Fünfter von links).
Franz Vogt, Regierungspräsident von Unterfranken, eröffnet den neuen Grenzübergang zwischen Eicha und Trappstadt, indem er ein Band durchschneidet. Mit dabei sind der Trappstadter Bürgermeister Erich Werner (Vierter von links) und Fritz Steigerwald, Landrat von Rhön-Grabfeld (Fünfter von links).
Die neue Straße, die das bayerische Trappstadt mit dem thüringischen Eicha verbindet.
Die neue Straße, die das bayerische Trappstadt mit dem thüringischen Eicha verbindet.

Fotograf der historischen Bilder: Erich Werner